Ich sag euch mal was, Netzfeministinnen!

Das beste zum Feminismus sagte mir die großartige Katja Husen: “Mach dir deinen eigenen Feminismus!”. Das ist so richtig und doch so queer.

Machen wir’s also queer, dezentral, bewusstseinsorientiert, persönlich. Mein eigener Feminismus beginnt in meiner Kindheit. Das beste, was meine Mutter für mich getan hat – und das ist groß – ist eine antisexistische Erziehung. Ich musste nicht mit Puppen spielen. Ständig erzählte meine Mutter mir, dass kaum eine Frau aussehe wie Barbie. Das nervte vielleicht! ich spielte deswegen bei meiner Nachbarin mit Barbie und ihren Pferden. Meine Mutter übertrieb es auch manchmal wirklich, zum Beispiel schnitt sie mir immer die Haare praktisch kurz. Und sie erzählte mir empört, dass kleine Mädchen bei uns auf dem Land mit der Geburt Ohrringe bekämen. Und dass es keine gute Idee wäre, sich nur noch für Jungen, Schminke und Kleidung zu interessieren anstatt für die Schule. Dazu gab sie mir viele feministische Bücher.

Was nicht so nett war, war, mir stets zu sagen, ich sei technisch unbegabt. Aber das machte sie sicherlich nur, um ihren eigenen Fertigkeiten in diesem Bereich aufzuwerten. Geschenkt. Praktisch hatte ich es nach Ansicht meiner Mutter also nicht so – was ein wenig sogar stimmen könnte. Sobald Naturwissenschaft aber auf dem Papier stattfand, hatte ich Spaß daran: so war ich in der Mittelstufe in einer Gruppe für Mathe-Talente, meine Leistungskurse waren Bio und Chemie. Später studierte ich erst Biochemie, scheiterte an der Praxis mit versifften Reagenzgläsern, dann Technikjournalismus.

Und ich begeisterte mich für Tätigkeiten wie Format C: (ich nutzte lange Windows) und die Lösung des Problems, wie ich die Napster-Sperre auf den Rechnern der TU Braunschweig umgehen konnte. Gleichzeitig probierte ich es aus, Webseiten zu machen. Das war so im Jahr 2000. Ab 2003 oder 2004 nutzte ich Linux. Seit jeher spreche ich mit meinem Computer, ähnlich wie meine Mutter und mein Großvater, die ich stets mit ihren Autos sprechen hörte.

Außerdem kann ich, wie Charlotte Roche und sicherlich viele andere Frauen, mit einer überwundenen Essstörung aufwarten, weiterhin mit vielen Gedanken über Sex. Zweiteres kam in der Frauen-Szene auch nicht so gut an. Während meiner Zeit in den Frauenstrukturen der Grünen (2004 – 2009) erlebte ich viel Pain In The Ass. Persönlich war es sehr aufschlussreich: eine wertete mich mit dem Satz ab, “die interessiert sich doch nur für Sex”. Unterirdisch – und verblüffend – als wäre über Sex alles gesagt, als würde es in diesem Bereich keine feministischen Herausforderungen geben.

Inhaltlich war es ansonsten eher langweilig, eine gute Freundin von mir meinte mal, die Frauen in den Grünen-Arbeitsgruppen wollten “immer nur über das Sorgerecht sprechen”. Das Sorgerecht ist ein schwieriges Thema, weil um dieses viel Streit stattfindet. Schlimmer, persönlicher Streit zwischen Ex-Partnern. Rosenkriege, oft auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Wer aber Sexismus und Mutterkult überwinden will, muss auch einsehen, dass Frauen wie Männer ein Kind gleichermaßen erziehen können und dass nicht die Mutter der “natürliche” Ort für Kinder ist.

Mein Focus in der Frauenpolitik wären die Arbeitsmarktpolitik, sowie der internationale Blick – und so habe ich es auch in den Gremien vorgeschlagen. Im Nachhinein sage ich: da fehlt noch die Körperpolitik. Abtreibung, Schönheitswahn, künstliche Befruchtung – sind Frauen da wirklich frei? Und hat sich da, im Vergleich zu den 70er Jahren, etwas geändert?

Und ich habe mich für eine stärkere Verzahnung von Frauenpolitik und Familienpolitik eingesetzt: ein zweischneidiges Schwert. Denn eine Frau ist mehr als nur eine Mutter. Der deutsche Mutterkult, eine Sichtweise, gegen die sich viele jahrelang eingesetzt haben – und die wahrscheinlich im Dritten Reich wurzelt. Dennoch meine ich, dass die Frauen nun mal die Kinder bekommen können und daraus auch zahlreiche Nachteile, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, erwachsen. Ich glaube auch nicht, dass sich daran irgendwann etwas ändern wird – weswegen ich auch lieber sage

Man wird als Frau geboren und hat ein Leben lang damit umzugehen

anstatt zu sagen: Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht (die gern zitierte Simone de Beauvoir).

Die Kinder kriegen die Frauen – das wird sich wohl nicht ändern. Lindern kann man diese Ungleichheit mit unterschiedlichen Maßnahmen, die noch lange nicht alle ausprobiert wurden – mehr Teilzeit, mehr Männer in Elternzeit, mehr Kitas. Und die biologische Ungleichheit bedeutet nicht, dass man auch sozial als weiblich bezeichnetes Verhalten an den Tag legen muss. Zum Beispiel Macht! Geil! Die Macht müssen Frauen nicht scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Macht ist nicht unweiblich. Dominanz auch nicht.

Und Macht kommt von Machen, sagte eine Grüne-Jugend-Kollegin, Spitzenfunktionärin, Frauenpolitikerin und Leidtragende der auch in der Grünen Jugend existierenden Mackerkultur. Ich selbst war da mit zwei Mackern im geschäftsführenden Bundesvorstand und war erfolgreich. Wohl, weil ich mich da ähnlich verhielt, wie es Männern immer zugeschrieben wird: Mut zur Lücke, und im Zweifel läuft’s schon. Hat funktioniert, ist nichts kaputtgegangen, am Ende haben wir das Zehntausende Euro Defizit wieder reingeholt – und ich verspreche auch hoch und heilig: ich werde nie wieder Schatzmeisterin.

Danach war ich im Parteirat und hab mich da nicht unterbuttern lassen. Mit Blog und Twitter zeitrafferin habe ich die Grünen ab und zu zu erschüttern versucht und nebenbei noch andere netzige Aktionen gestartet. Immer war es mir ein Anliegen, den Grünen und anderen zu vermitteln, dass das Internet alles verändert – nicht mit Papieren, sondern mit praktischer politischer Arbeit über das Internet. Wer mein altes Blog ansieht, wird dort das Schlagwort “Frauen” erkennen. Es wurde also auch zu diesem Bereich viel geschrieben und diskutiert.

Auch war ich auf zahlreichen Podien zum Thema. Eines aus dem Jahr 2008 hebe ich gerne heraus, weil es so besonders gut war: In München mit Mädchenmannschaftlerin Barbara Streidl, der linken Feministin Halina Bendkowski und der Mutterbild-Kritikerin Barbara Vinken. Vinken sagte damals unter anderem: “wir müssen auch die mit den Strähnchen erreichen”. Ein toller Satz, mit dem sie wohl meint: wir kommen mit dem akademisch verkürzten Blick nicht weiter, wir müssen Feminismus bzw. frauenpolitische Forderungen popularisieren. Und, wenn ich das recht verstanden habe, von der Kapitalismuskritik zumindest ein Stückweit trennen. Nicht – schon wieder – gleichzeitig die Arbeitszeitdebatte führen und die mit dem Feminismus erledigen wollen.

Genauso ist das Ziel einer Frauenquote nicht, die Arbeitswelt weiblicher zu machen. Oder in Spitzenpositionen “weiblichere” Eigenschaften einziehen zu lassen. Das Ziel ist: den in der Arbeitswelt allgegenwärtigen Sexismus lindern und qualifizierten Frauen die Chance zu geben, an Macht zu partizipieren, was ihnen in der Puffbesuch-Spitzenwirtschaft sonst arg verwehrt ist. Frauen sollen nicht gefördert werden – sondern himmelschreiende, strukturelle Ungerechtigkeit soll gelindert werden. Im Übrigen war auch ich früher der Meinung, dass diese Spitzenfrauen-Quotensache doch nur ein Placebo für die eh schon Privilegierten ist. Heute glaube ich: wenn man die Spitzen aufbricht, wird auch in anderen Hierarchiestufen etwas passieren. Renate Künast zum Beispiel hat hier recht – und muss dafür seit Jahren und noch heute in grünen und linken Strukturen Kritik einstecken, wenn sie diese Forderung mal wieder erhebt.

Revidiert habe ich auch meine Meinung zu Vergewaltigungen, für die ich mit Recht sehr viel Kritik bekam. Das Private ist politisch, und dabei bleibt es, auch wenn ich mal anderes schrieb. Man könne da nur mit dem Rechtsstaat ran, was wolle man noch, schrieb ich. Das war falsch. Weil eine Vergewaltigung schwer nachzuweisen ist, sind andere Ansätze nötig. Meiner Ansicht nach ist eine Politik nötig, die Frauen stärkt. Damit die Frau dem Typen eine knallt und nicht zulässt, dass dieser herumtascht oder die Hand der Frau ungefragt unters verschwitzte T-Shirt zieht. Die sexistischen Sprüchen direkt entgegentritt – damit eine Belästigung keine mehr ist und auch kein lange andauerndes schlechtes Gefühl nach sich zieht. Hier muss direkt interveniert werden: Linke Sitzkreise im Nachhinein sind auch keine Lösung!

Aber noch viel weniger ist es die BILD-Berichterstattung von Alice Schwarzer. Alice Schwarzer muss weg. Junge Feministinnen sollen sich mit ihr kritisch auseinandersetzen und nicht anfangen, ihr Lied zu singen. Schwarzer muss Contra gegeben werden. Bei ihrer päpstlichen Sexualpolitik. Beim Islam. Bei ihrer Rechtsstaatsblindheit.

Und bei ihrer Netzpolitik. Netzfeminismus muss sich klar von den Kinderschutz-Forderungen alter Feministinnen distanzieren. Von Netzsperren. Netzfeminismus muss eine differenzierte Meinung zu Pornografie haben. Und Netzfeminismus muss kompetent mit Trollkommentaren umgehen können. Netzfeministinnen sollen im Netz diskutieren und leben. Netzfeminismus muss gut im Netz sein. Eigentlich muss Netzfeminismus auch gutes Web- bzw. Kommunikationsdesign können. Netzfeminismus muss im Vergleich zur “Zweiten Welle” etwas Neues bringen. Netzfeminismus ist nicht nur ein Label.

24. Oktober 2011 von julia
Kategorien: Kultur | Schlagwörter: , , | 34 Kommentare

Kommentare (34)

  1. Gerade bemerkt, hat wenig mit dem Text zu tun: wenn man die Spitzen aufbricht, wird auch in anderen Hierarchiestufen etwas passieren ist so eine wunderbar neoliberal angehauchte Formulierung, trickle-down usw..

    • Erlehmann – damit bist du derselben Meinung wie die Frauen in den grünen/linken Strukturen. Wie ich schrieb, halte ich diese Position heute für falsch.

      • Bingo. Ich saß lange demselben Irrglauben auf. Aber eine gehörige Dosis Realität haben mich inzwischen zu einer überzeugten Quotenverfechterin gemacht. Nach oben wird da ohne Druck allein durch Stärkung eines Mittelbaus nix “trickeln”.

  2. Momentan schottet sich der Feminismus ja ziemlich ab. Gerade postmodernismus und poststrukturalismus schaffen eine Parallelwelt zur modernen Wissenschaft. Wenn man sich da einer Diskussion öffnen würde, wäre glaube ich schon viel gewonnen.

    • meinst du jetzt so Hormonkacke – oder was? :)

      Ich kenne mich mit Theorien leider/zum Glück auch nicht so aus.

      • @julia

        Das sie sich mit den wissenschaftlichen Theorien der Evolutions- und Neurobiologie nicht auskennen glaube ich ihnen gerne ;)
        Scheinbar haben Femministen davon im allgemeinen keine besonders große Ahnung, sonst würden sie begreifen das der Großteil ihrer Ideologie vollkommen realitätsfremd ist.

        • Kleines armes Kommentarchen – eine Frage: was möchten Sie sagen? Sollte das gar ein Argument sein? Wenn ja: bitte nochmal in anderen Worten wiederholen, dann wird es vielleicht verständlicher …

        • Mensch kann es sich auch einfach machen und die Wahrheit mit pseudowissenschaftlichen Argumenten (oder eher der eignen Interpretationen von Forschungsergebnissen) für sich verbuchen. Nichts ist klar, nichts ist eindeutig Realität. Vieles ist konstruiert. Wenn das als Diskursgrundlage gegeben ist, können wir nochmal leben.

          (Der Schritt, nicht an DIE EINE Wahrheit im Sinne von Realität zu glauben, sollte doch bei dem Namen gar kein so großer Schritt sein.)

        • @Ketam1n

          Unsinn. Evolutionspsychologie und -biologie taugen nicht zur Rechtfertigung von Geschlechterverhältnissen. Und auch neurowissenschafftlich lassen sich nur sehr eingeschränkte Aussagen treffen, die über Korrelationen (Ursache?) hinausgehen.

          Falls sie spezifische Argumente haben, bin ich gerne bereit mich mit ihnen auseinanderzusetzen, und gegenenfalls zu widerlegen.

          Einen kleinen Überblick zu dem Thema bietet “Delusions of Gender: The Real Science Behind Sex Differences” von Cordelia Fine

          • antipattern, danke für die Ergänzung. Aber lassen Sie den/die Spinner/in doch erstmal das Argument präzisieren. Mein Statement hat Ketam1n doch auch nur so durcheinandergerührt verstanden. Ich spreche von der Theorie Poststrukturalismus – und die Person fängt mit Biologischem an. Chaotisch!

            Wenn dann das Argument da ist, kann man ja immer noch was dagegen sagen. Finde ich. Man muss solchen Leuten nicht gleich eines mit dem Holzhammer raufgeben – ich persönlich mag es lieber einen Schritt zurückzutreten und erstmal nachzufragen. Bloßes verwirrtes Gelaber ist ja kein Argument!

      • Liebe Julia!

        Es ging nicht um Hormonkacke sondern um Poststrukturalismus. Das erste ist nicht das Gegenteil des anderen. Mit Poststrukturalismus meinen wir die zeitgenössische französische Philosophie also Foucault, Derrida, Deleuze, Lacan u.a. Das sind genau die, denen der Feminismus das “Schwurbelsprech” verdankt. Diese Philosophen sind aber nicht nur an der Unverständlichkeit sondern auch an der angeblichen oder wirklichen Männerfeindlichkeit sowie des miesen Kommunikationsverhaltens im Feminismus schuld. Wegen denen gelten weiße, heterosexuelle Männer als privilegiert, dominant, “normal” und weiß der Geier was, weswegen Frauen, Homosexuelle und Schwarze Schutzräume aufsuchen müßten, um sich vor den dominanten Diskursen der weißen, heterosexuellen Männer zu schützen wie vor Luftangriffen.

        • Jau, kenn ich doch :)

          Also, ich weiß, was das ist und lese auch bald mal ein Buch von Foucault. Finde ich ja alles prinzipiell ganz gut, allein: für Realpolitik führt das nicht weiter. Zweitens weiß ich nicht, wie es mit Poststrukturalismus und Kapitalismuskritik aussieht – kennst du dich da aus?

          Gender Studies sind keine Lösung. Freundliche, nette Nicht-Macker sind einfach keine Role Models, von denen Macker-Männer lernen wollen. Diese Sprache versteht keine/r. Man muss sich andere Wege überlegen, wenn man Gleichheit ermöglichen möchte.

          Ich stimme dir also im Prinzip zu. Ich weiß auch nicht, was diese Frauenräume bzw. Hetero-Norm-Frei-Räume diskursiv heute noch bringen.

  3. Muss man sich nur für die mit Strähnchen öffnen oder vielleicht auch für die mit Glied?

    • Hast du den Text verstanden? Mir scheint: Nein.

      Natürlich muss man auch mit progressiven Männern zusammenarbeiten. Wer behauptet etwas anderes? Sprich: in welchem Jahrhundert lebst du?

      Und deinen Schwanz kannste bitte drin lassen. Interessiert mich nicht ;)

  4. Dein Plan klingt gut :) Danke Dir dafür!

  5. Hmm… durch deine Unterstrichlose Innenpolitik fühl ich mich da jetzt einerseits total angesprochen, andererseits überhaupt nicht… Ist mir von der Sprache her auch ziemlich egal, aber gerade bei den Grünen scheinen noch nicht so viele mitbekommen zu haben, dass es auch Feministen und Geschlechtsidentitäten abseits von männlich und weiblich gibt. Das stört mich auch etwas an dem abgewandelten Beauvoir-Zitat. Man wird schon bei der Geburt zur Frau/ zum Mann gemacht, aber man muss nur dann damit umgehen, wenn man sich mit der Rolle identifidingsen kann, und/oder seine Cis-Privilegien nicht aufgeben will. Auf jeden Fall wichtig, den Coping-Aspekt zu betonen, denn auch “Bio-Frauen/Männer” müssen mit einer vergeschlechtlichen Wahrnehmung klarkommen, und lernen, mit den entsprechenden Erwartungen umzugehen. Auch wenn das normalerweise garnicht als Geschlechtsproblematik reflektiert wird, weil angeboren und so…
    Die politischen Forderungen könnte ich fast alle unterschreiben, aber die Schwarzer machst du jetzt wieder wichtiger, als sie ist. Ich find das ja großartig, dass Franz Josef Wagner und Alice Schwarzer bei der selben Zeitung arbeiten, und irgendwie werden sie sich auch immer ähnlicher… :) Das Problem ist doch eher, dass die Presse viel zu selten über Feminismus schreibt ohne über Alice Schwarzer zu schreiben… Es scheint vielen schwer zu fallen, über Bewegungen ohne “Vorsitzende” zu berichten… Dann tut man lieber so, als ob es sie gibt…

    • Zu Schwarzer: sie ist doch präsent. Und manche vernetzen sich gar mit ihr. Ich halte das Denken der linken Szene, (und anderswo evtl. auch), das meint, man sollte Schwarzer einfach ignorieren, für falsch. Die Frau tritt im Fernsehen auf und erzählt Deutschland, was “Feminismus” ist. Ich halte das für nachteilig.

      Zu Cis/Trans: ich wurde letztens von einem ca. sechsjährigen Kind gefragt, ob ich “ein Junge oder ein Mädchen” sei. Auch also die, die sich gar nicht als “Trans” verstehen, leiden unter Gender-Trouble-Irritation. Weil sie irgendwie doch aussehen wie eine Frau (wenn sie als solche geboren wurden). Ich würde mir für diese Welt auch die multivariable Geschlechtsidentität wünschen, aber ich fürchte, das ist alles sehr schwierig. Vielleicht im Internet…

      • Ich versteh das Unbehagen nicht bei der Erkundigung nach dem, was in der Hose ist. Eine wie auch immer geartete genderspezifische Rollenzuschreibung erfolgt doch schon vor der Fragestellung und wird sich dann nicht groß ändern, oder?

        Ich wurde ja mal – jünger, rasiert, mit langen Haaren und Schlabberklamotten – von alten Leuten als „junge Frau“ angesprochen und nach dem Weg gefragt. Ich glaube aber, das war denen dann doch recht schnell unangenehmer als mir.

  6. Was ist denn eigentlich Netzfeminismus?
    Und muss ich mir das merken?

  7. Bin dabei! Wann fangen wir an? ;)

  8. Hm.
    Ich glaube nicht, dass es typisch grün oder links ist, zu glauben, wenn an der Spitze eine Frau steht, dann käme das in den anderen Hierarchien von selbst. Dazu haben zu viele grüne Frauen erlebt, dass Spitzenfrauen oft genug vor allem Männer statt weiblicher Konkurrenz heranziehen. Die beiden Hamburger Senatorinnen des letzten Senats waren dafür Paradebeispiele.

    Gerne weiterdiskutieren möchte ich das Thema biologische und andere Elternschaften.
    Die mögliche Veränderung des Frauenkörpers durch Schwangerschaft z.B., die echt traumatisch sein kann. Oder die Verantwortung, sich den Erzeuger auch nach sozialen Gesichtspunkten auszusuchen. Die Fragen der Fremdbetreuung im Säuglingsalter, der Autonomie, der Ratgeberliteratur, der Partnerschaft. Die Trennung der Sphären.
    Und natürlich: Wieso kriegen immer noch so viele Frauen Kinder von Männern, die so offensichtlich ungeeignet sind für eine verantwortungsvolle Vaterschaft?! Zweit-, Dritt-, Viertfrauen in einer Art seriellen Polygamie.

    • Ich glaube nicht, dass es typisch grün oder links ist, zu glauben, wenn an der Spitze eine Frau steht, dann käme das in den anderen Hierarchien von selbst.

      Ne, hab ich auch nicht geschrieben. Aber ich darf das doch glauben, oder? (Auf die Vorbilder kommt es an – und auf das Aufbrechen sexistischer Strukturen und die Veränderung von Praktiken in Richtung nicht-sexistisch).

      Gerne weiterdiskutieren möchte ich das Thema biologische und andere Elternschaften.

      Ich auch :)

  9. Kann man aus der ganzen Diskussion heraus klare Forderungen formulieren? Stehen solche vielleicht schon irgendwo nachlesbar zur Verfügung?

    Ich persönlich tue mich sehr schwer dieses Thema als Ganzes aufzunehmen und zu begreifen. Ich kann leider nicht sagen, ob es an der Komplexität oder an der schwammigen Diskussionskultur liegt. Oder einfach an meiner Verschlossenheit. Vielleicht muss man viel mehr lesen, um einen Zugang zu diesen Problemen zu finden.

  10. Gibts von dir noch mehr zu lesen über das Thema Alice Schwarzer? Du gehst ja hart mit ihr ins Gericht, aber ich hab noch nicht ganz verstanden, welche inhaltlichen Probleme du mit ihr hast – würde mich aber interessieren! Stichworte: päpstliche Sexualpolitik, Islam, Rechtsstaatblindheit…

  11. Herzerfrischender Artikel! (Wenn auch etwas lang…)

    Eine Sache möchte ich mal deutlich sagen:
    Alice Schwarzer ist zwar nicht mehr modern und auch zu einseitig in ihren Positionen. Trotzdem hat sie mal was Schönes gesagt, sinngemäß, im Interview im Rahmen einer Dokumentation über “den” Feminismus.
    Nämlich, dass es sehr bedauerlich sei, dass die modernen Frauen die Errungenschaften der Kämpfe der Frauenbewegung mit Leichtigkeit wieder weg geworfen haben.
    Viele Frauen seien gut ausgebildet, prädestiniert für einflussreiche Positionen in der Arbeitswelt. Ruckzuck kriegen sie aber Kinder und ziehen sich wieder in die Mutter- und Hausfrau-Rolle zurück.

    Keine politische Teilhabe mehr, keine aktive am Arbeitsmarkt oder überhaupt in den Bewusstseinsprozessen zwischen Frauen und Männern.

    Ich finde, da hat sie Recht. Sowie Helke Sander und einige andere Frauen aus dieser Generation.
    Schade, schade.

    • Kann ich nur unterstreichen. Die meiste Kritik an der “bösen” Alice S. kommt entweder von Männern (wie einst im Mai) oder von sogenannten “jungen” Feministinnen, die offenbar keinen blassen Dunst haben, was Feminismus ist. Die ernsthaft meinen, dass es doch ach so doll und cool ist, sich selbst als Tussi zu bezeichnen, die blöde mitlachen, wenn die Knaben ihre ewig gleiche, vorgestrige, sexistische Scheisse zum besten geben und die überhaupt nicht kapieren wollen, dass auf die Art und Weise Frauen wieder genau da ankommen, wo sie schon einmal waren: nämlich ganz unten, in der zweiten Reihe.

      Seien wir doch ehrlich: wir sind schon fast wieder da. Alle Veränderungen, die Feministinnen wie Alice Schwarzer erkämpft haben, werden Stück für Stück abgebaut. Man sehe sich nur das tägliche Fernsehprogramm an: dümmliche Sexpüppchen sind wieder da (Verona Pooth, D. Katzenberger) – der einzige Unterschied zu den muffigen 50er Jahren ist, dass jeder dumme (männliche) Sack im Fernsehen, der mit den Damen zu tun hat, nicht offen und ehrlich zeigt, für wie unterlegen er sie hält, sondern als Feigenblatt dummes Zeug von der ach so freien, selbstbewussten und natürlich körperbetonten Frau labert.

      Oder der neu erstarkte Muttiwahnsinn. Frauen, die keine Kinder wollen, aus welchen Gründen auch immer, dürfen wieder beleidigt und ausgegrenzt werden. Single sein, Karriere machen und kinderlos glücklich sein? Pfui bäh, das darf frau aber nun gar nicht! Nee, wenigstens ein Blag muss geworfen werden. Früher hieß es, kinderlos = unweiblich. Heute traut sich mann diesen offenen Sexismus nicht mehr, deshalb wird der Blödsinn von wegen Rentensicherheit und “Kinder sind unsere Zukunft” erfunden, um Frauen trotzdem wieder ungestraft auf ihren Platz als “das Mutti” verweisen zu können. Und die Frauen? Die machen brav mit, finden es sogar noch klasse, dass sie jahrelang aus dem Beruf aussteigen “dürfen” und werfen sich mit aller Kraft wieder aufs Hausfrauendasein – aber klar, wir sind gaaar nicht so wie weiland Doris Day, nee, wir sind ja so modern und aufgeklärt und Papi hat ja auch gaanz lieb seine nullkommeinsfünf Vätermonate abgeleistet. Jaha, SO emanzipiert sind wir! Und die bösen Kinderlosen (die kinderlosen Frauen, wohlgemerkt, nicht selbige Männer), die nur an die Karriere denken, die sind gaaanz herzlos und fies und kalt …. und, naja, sagen wir es doch: UNWEIBLICH!

      Soll’s das etwa gewesen sein? Rückkehr an Heim und Herd und die alten Klischees im neuen Gewand? Dafür haben sich Alice S. und andere Frauen derart angestrengt? Damit die junge Generation auf sie herabsieht und sich in dem Wahn sonnt, als tussige Mami sei für Frauen alles paletti? Ganz ernsthaft, Julia, DAS ist die Gefahr bei deiner Argumentationslinie.
      Alice hat sicher ihre Schwächen. Vor allem, wenn sie selbst auf die brave-Mutti-Schiene gerät, ohne es zu merken, wie etwa bei dieser “Netzsperren zum Wohle der lieben Kinderlein”-Sache. Aber man muss sich vor Augen halten, dass diese Frau eben in einem System groß geworden ist, das total von dieser Denke lebte. Dass sie es geschafft hat, sich wenigstens teilweise davon zu befreien und anderen einen Weg daraus zu zeigen, ist eine Leistung, die wir nicht unterschätzen sollten. Und wir sollten die Früchte ihrer Arbeit nicht wegwerfen, indem wir sie (zur hämischen Freude der immer noch an den Schalthebeln der Macht sitzenden Männer) klein machen, zur Unperson erklären, nichts mit ihr zu tun haben wollen. Wir schaden uns damit. Und zwar gewaltig.

  12. toller Artikel

  13. Ich stimme Tiina voll und ganz zu.

    Und was bitte, haben Essstörungen nun mit Feminismus zu tun? Diesen Gedankengang kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, wennauch ich früher selbst darunter litt.

  14. 1) ich meine ja auch nicht, dass wir zurück an Heim und Herd sollen – im Gegenteil. Aber die Sache ist: weiterhin gehen Frauen Beziehungen mit irgendwelchen Samenspendern ein, die sich dann einige Jahre später verabschieden (Stichwort Macchiato-Mütter) – und das fördert Ungleichheit, zum Beispiel Alleinerziehenden-Armut, schlechtere Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt oder auch Altersarmut. Blendet man aber das Thema Kinder zu sehr aus, dann entsteht der Eindruck, dass man einfach keine kriegen müsse, und das Problem ist gelöst. Kinder kriegen die Leute aber, nun ja, immer.

    2) Essstörungen haben sehr wohl etwas mit dem weiblichen Körperbild zu tun. Frauen sollen schön, schlank, blumig, rosa sein – nicht aber stark, schwitzend, haarig und muskulös. Und auch nicht dick. Ich sehe schon eine Rolle bei medialen Vorbildern bei der Entstehung von Essstörungen – wenngleich nicht nur. Und wenngleich die auch vorbeigehen – nicht aber bei allen. Schrieb ich nicht von dieser Bekannten, die sagte, sie würde “ein Leben lang gezügelt essen”?

    Salat macht schwach, Frauen essen Salat – und auch das ist ein Geschlechterrollenklischee.

  15. Pingback: Wir Hetencismänner und der Feminimus | rotstehtunsgut.de

  16. Spannend fände ich mal eine Podiumsdiskussion (oder von mir aus auch bei Maischberger) mit: Julia Seeliger (Trollfeminismus), Katrin Rönicke (Pädagogischer Netzfeminismus), Nadine Lantzsch (Genderstudies-Feminismus), Julia Schramm (Equalismus), Leena Simon (Frauenraum-Feminismus), Lena Rohrbach (Postgender-Feminismus), Antje Schrupp (Differenzfeminismus) und Alice Schwarzer (BILD-Feminismus).

  17. Andrea Brücken, beim Hausfrauen-Bashing war Schwarzer eigentlich durchgängig vorne mit dabei, soweit ich das beurteilen kann. Das ist also kein Privileg der modernen Latte-Macchiato-Mütter. Im Übrigen kenne ich keine Belege dafür, dass es einmal eine signifikant große Menge an Frauen in D gab, die sich sozusagen Schwarzer-konform verhielt, dann irgendwie verschwand, um Platz zu machen für neokonservative Schwarzer?-Mir-doch-egal-Frauen. Würde mich aber gerne von anderen Erkenntnissen überzeugen lassen.

    Tiina, ähnliche Frage: Gibt es nachweislich auf Schwarzers Einfluss zurückzuführende eher feministische und eher unfeministische Phasen im öffentlichen Leben Deutschlands? Also, um Dein Beispiel zu nehmen, Momente in den letzten drei, vier Jahrzehnten, in denen es – feminismusbedingt! – weniger “dümmliche Sexpüppchen”, wie du sie nennst, im TV gab? Oder Phasen, in denen kinderlose Frauen keine blöden Sprüche zu hören bekamen bzw. selbstbewusste Nur-Hausfrauen weniger selbstbewusst auftraten, als du das aktuell empfindest?

    Im Gegensatz zu dir sehe ich bei Julia Seeligers Feminismus überhaupt keine “Gefahr in der Argumentationslinie”. Sondern vor allem eine sehr unterhaltsame Komponente. Und Schwarzersche Ansätze, was den Aufmisch-Effekt angeht. Im Grunde ist Alice Schwarzer ja eine Trollfeministin avant la lettre.

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