Bevor das Video von meinem Trollfeminismus-Vortrag online ist, muss ich wohl doch noch einmal etwas bloggen. Die Präsentation liegt vor.
Eigentlich sitze ich gerade in der taz, einem guten Autorenumfeld mit Recherchegefühl, um einen Artikel über “Frauen und IT” für das Portal golem.de zu schreiben, aber ich bin leider durch den Trollcon-Artikel von Torsten Kleinz auf zeit.de abgelenkt worden.
Es nervt mich, dass mein Vortrag von Torsten Kleinz in einem solch schlechten Licht dargestellt wird. Dies ist inzwischen auf Twitter und hier deutlich geworden. Nerven ist erst einmal gut, denn es bringt einen aus seinen klassischen Denkbahnen heraus. Ich finde aber, dass es hier zu weit ging.
Die Trollcon war für uns alle ein Experiment. Es trafen sich sehr unterschiedliche Gruppen. Bevor ich nach Mannheim fuhr, musste ich mit ansehen, wie fast alle meine Trollfreunde aus no drama begannen, von der Reise Abstand zu nehmen – und das, obwohl ich doch für sie und alle anderen Teilnehmer bei der Deutschen Bahn Billigtickets ertrollt hatte!
Ich selbst musste ja, denn ich hatte einen Vortrag eingereicht. In einer Referenten-Mail war mitgeteilt worden, dass es keine Fahrtkostenerstattung per default gebe, auch kein Hotel, man aber am Tagungsort übernachten könne:
eine Beteiligung an Übernachtungskosten haben wir nicht vorgesehen. Wir organisiern dir aber gerne eine private Übernachtungsmöglichkeit bei einem unserer Mitglieder. Es besteht auch die Möglichkeit im RaumZeitLabor zu übernachten, allerdings musst du dann einen Schlafsack und Isomatte mitbringen und auf eine Dusche verzichten. Falls du eine private Übernachtungsmöglichkeit in Anspruch wahrnehmen willst, melde dich bei uns.
Ich brachte also einen Schlafsack mit und bekam dann gesagt, ich könne auf dem Plateau im Hackerspace übernachten. Drunter die Küche, Bar, am Abend wurde dort Tschunk verkauft und Eis gemacht. Lustig, lustig, partyrallera! Ich machte mir etwas Sorgen und fragte deswegen am Abend random herum, ob ich zu X oder Y mit in die WG kommen könne. Natürlich ging das dann nicht mehr. Also betrank ich mich mit meinen Berliner Kumpels, chattete noch ein bisschen, ärgerte mich, dass ich kein Gras dabei hatte und kletterte dann irgendwan um zwei auf das Plateau.
Ich schlief ein. Nach zwei Stunden erwachte ich und dachte: Du bist hier im falschen Film.
Unten wurde laut geredet. Eine Eismaschine lief. Ich dachte: Oh ne, junge, betrunkene Männer. Ich kotze! Nicht gerade freundlich rantete ich nach unten, ob man leiser sein könne. Praktisch mit Gewissheit und Angst, dass sich das Problem wohl nicht lösen würde. Im Hinterkopf die Wut, dass sich diese Trolle nicht besser um ihre Referenten kümmern, ihnen keine Übernachtung organisieren und mich mit meiner finanziellen Armut alleine ließen. Ich war auch wütend auf die Männer, die so unsensibel waren und in diesem Krach und Chaos schlafen konnten und sich nicht vorstellen wollten, dass es komisch sei, auf einem Holzpodest über einem Hackerspace mit hackenden, betrunkenen Jungs zu pennen.
Gegen halb fünf ging ich dann, nach meinem Gerante. Einer hatte mich daraufhin doch tatsächlich als “hysterisch” bezeichnet. Das fand ich so typisch, es war sogar für meinen Vortrag schon geplant. Ich dachte: oh wow, gut getrollt.
Dann fuhr ich zum Mannheimer Bahnhof, um nach Berlin zu fahren. Einer war so nett gewesen, mir 60 Euro für die Rückfahrt zu leihen. Es ist so peinlich, keine Kreditkarte zu haben, es ist peinlich, kein Hotel mieten zu können, es ist peinlich, in einer solchen Situation fragen zu müssen.
Weil der nächste Zug erst eineinhalb Stunden später fahren würde, entschied ich mich, zum RaumZeitLabor zurückzukehren. Auch meiner Fahrkosten wegen und weil ich das nun durchziehen wollte. Weil ja nicht alle Schuld waren an der blöden Situation, die sich ergeben hatte.
Mein Schlafplatz, ein Sofa, war inzwischen besetzt. Der Versuch, sich zwischen Maschinen in einem Gang weiter hinzulegen, scheiterte aufgrund von Staubigkeit und Kälte des environments. Geheule, Hilflosigkeit.
Ich liege hier im Dreck auf einem staubigen Teppich und werde krank. Wie ätzend ist das denn? Was mache ich hier eigentlich?
Ich stand wieder auf und hing morgens früh im Hackerspace ab. Dort liefen auf einem Beamer Videos von Bernd, das Brot, Mein kleines Pony und Kim-Dotcom-Megaupload-Fanvideos. Ich fragte die Anwesenden, ob sie Drogen genommen hätten. Ich würde solchen Content – Brotfernsehen – nur zu Gesicht bekommen, wenn ich eine Nacht durchgefeiert hätte. Und auch dann kann ich solchen Unsinn im Grunde nicht ertragen.
Ich steigerte mich also in meinen Hass hinein, machte einen auf Gefühle und fand das dann auch ganz passend für meinen Vortrag. Trollfeminismus ist immer ein Blindflug, bei dem man nicht weiß, was rauskommt. Um einen herrschaftsfreien, unverstellten Diskurs über Geschlechterfragen zu ermöglichen, ist es gut, voraussetzungslos ranzugehen und alles neu zu konstruieren. Ich will meinen Zuhörer_innen auch nicht Definitionen vorsetzen, sondern aus der Verstörung eine Debatte entwickeln. Deswegen ging es in meinem Vortrag auch los mit einem “Geplanten Rant”. Es muss knallen, danach kann man vielleicht etwas Neues aufbauen.
Zur Erinnerung: Beim ersten Trollfemiminismus-Vortrag, den ich zusammen mit Julia Schramm bei der republica hielt, hatten Julia und ich uns gerade gestritten, denn ich hatte sie mit der Bemerkung getrollt, ihr Buch sei “für unterfickte Nerds und alte Männer” geschrieben. Ich denke, sie war sauer, als sie mit mir auf dem Podium saß. Auch das Publikum verstand zum Teil wenig, zum Teil war es aber begeistert. Ich selbst heulte nach dem Vortrag erst einmal. 24 Stunden später war es besser.
Trollfeminismus ist anstrengend. Für alle. Denn aus seinen gewohnten Denkschienen geworfen zu werden, ist anstrengend.
Bis einer heult! Heute schon deine Erfahrungen verallgemeinert, habe ich in dem Vortrag bei der Trollcon gefragt. Männer sind kalt, Frauen hysterisch – und die kalte Art wird als normaler angesehen. Mit der heißen Wut von Frauen können viele Männer nicht umgehen und ich denke, auch das wurde mit meiner Rundum-Trollerei gezeigt.
Philippe Wampfler hat Eindrücke zur Trollcon gebloggt
Enorm erstaunt hat mich, wie sehr Julia Seeliger die Anwesenden provozieren konnte. Ihr Vortrag zu »Trollfeminismus« enthielt Vorschläge, wie der feministische Diskurs durch Troll-Methoden Probleme angehen könnte, an denen er immer wieder scheitert. Einige feministische Bemerkungen zum Thema Gender im Hackerspace RaumZeitLabor führten zu heftigen Reaktionen. Mir war, als hätte sie einige der Anwesenden brutal getrollt – obwohl ich gar nicht verstand, was an ihren Bemerkungen überhaupt solche Effekte ausgelöst hat. Grundsätzliche feministische Überlegungen scheinen immer wieder eine Erklärung elementarer Zusammenhänge zu erfordern. Wer feministische Thesen vertritt und entsprechend Kritik äußert, muss damit rechnen, an- und abwesend belacht und verhöhnt zu werden.
Damit wage ich es doch, die Frage nach den positiven Effekten zu beantworten. Trolle zwingen ihre Gegenüber in kommunikative Situationen, in denen sie nicht sicher sind, wie sie sich verhalten werden. Sie in ihren Reaktionen Vorstellungen und Regeln explizit machen, die vorher weder bewusst noch diskursiv zugänglich gemacht waren. Der Hackerspace RaumZeitLabor, so meine Interpretation, verstand sich vor der Tollcon als genderlosen oder post-gender Raum: Das Geschlecht der Anwesenden, so die implizite Vorstellung, spielt keine Rolle. Ob Frau, Mann oder Pony: Am Laptop klimpern, bastlen und Mate trinken dürfen und können alle. Dann kam eine feministische Journalistin und zeigte mit ihrer Kritik, dass Geschlecht nur so lange keine Rolle spielt, wie man nicht genau darüber nachdenkt und spricht.
Mein Fazit der Trollcon: Ein Abwesender, ein Soziologe, ein Lehrer, eine Philosophin und ein Pädagoge können einen Hackerspace nicht trollen. Eine Feministin schon.
I can troll Hasenspace! Oder wen nochmal?

Dein Troll mit den Bioeiern war aber auch nicht schlecht: “Sind die Eier Bio?” – “Nein” – “Dann esse ich nen Schinkenbrötchen”.
Ach, ne, bei Eiern finde ich es wirklich besonders eklig. Vermutlich meine Ex-Grüne Denkschiene (“Kein Ei mit der Drei!”)
[...] Julia Seeliger an der Trollcon über »Trollfeminismus« spricht (hier ihr Blogpost dazu), eskaliert in Berlin der Streit um das feministische Kollektiv »Mädchenmannschaft«. Die [...]
“Mit der heißen Wut von Frauen können viele Männer nicht umgehen und ich denke, auch das wurde mit meiner Rundum-Trollerei gezeigt.”
Dazu zwei wirklich offen, keineswegs als Beleidigung gemeinte Fragen:
- Ist die Zuschreibung von “heißer Wut” für Frauen nicht auch ein sexistisches Klischee?
- Handelt es sich möglicherweise nicht um Deine “heiße Wut” und nicht die “von Frauen”?
Dass diese ganze Situation für Dich sehr nervig und unangenehm war und dass die beteiligten saufenden und Party habenden Jungs offenkundig sehr unsensibel waren, ist eine völlig andere Frage. Das kann ich mir lebhaft vorstellen.
Äh, Peter, willst du trollen?
Lies dir mal was zu passiver Aggressivität durch.
Ok, und weil man nicht sagen soll “lies dir mal durch”, erkläre ich es dir genauer: also, ich meine, dass die Unsichtbarmachung von Gefühlen ein entscheidendes Problem im Diskurs ist. Gefühle werden irrelevant gemacht. Wer keine zeigt, sondern alles schluckt, ist der Coole. Das wird höher bewertet. Wer sie rauslässt oder Gefühle bei denen, die sie wegschlucken, einfordert, ist schwach und wird abgewertet.
Das kam auch im Trollfeminismus-Vortrag vor, ganz am Ende sagte einer, das sei aufgrund jahrhundertealter Traditionen so. Männer seien beim Militär, Feuerwehr, sonstwo, wo man “hart sein” muss. Das präge. Ich fand diese Bemerkung sehr gut.
Und das andere Geschlecht: Erst werden Frauen dazu erzogen, emotional zu sein, dann werden sie deswegen als “hysterisch” bezeichnet. Ach ja: Ich sehe in solchen (sexistisch abwertenden) Bezeichnungen ein Problem.
Ne, will nicht trollen. Aber es bleibt eine verallgemeinernde Zuschreibung, nicht wahr?
Natürlich.
Aber sie existiert. Wird zB gern bei der “Frauen in die Aufsichtsräte/Vorstände” Argumentation genannt, die Zuschreibung und damit Erziehung der Frauen zu kommunikativen, emotionalen Menschen. Was für die Vorstände im Argument als Vorteil gesehen wird, gerade in der Krise. Was aber prinzipiell im Patriarchat von Nachteil ist (logisch, oder?)
Und damit ist umzugehen.
Oder willst du jetzt einen auf PostGender machen?
Nein, ich will nicht auf PostGender machen. Ich will aber auch nicht auf “Frauen sind halt so” machen. Das finde ich genauso sexistisch.
Wie kommen wir im Geschlechterverhältnis denn weiter, wenn wir Differenz, die aus Zuschreibungen und Erziehung resultiert, unsichtbar machen?
Ich sehe ein zentrales Problem in dieser Gefühls-Unsichtbarmach-Sache. Bitte versuche, damit umzugehen.
Du tust dir – im Namen der Buchrecherche? – aber auch Sachen an!
Jedenfalls erklärt der Text ein bisschen die heftige Reaktion deinerseits auf Kleinz. Was sich mir noch nicht ganz erklärt, ist die These, die du hinter “Trollfeminismus” siehst. Lese ich das richtig, wenn du damit (Garfinkel!) sowas meinst wie Nirmalitätserwartungen zu durchbrechen, um die Konstruiertheit genau dieser Erwartungen – etwa an Geschlechter – fühlbar zu machen?
Das kann sein. Danke! ♥
Kannst du die Präsentation mal nach PDF exportieren? Libre Office ist so riesig.
Wenn du es sagst: ja.
[...] One Night in Hackerspace [...]