Mastodon Gewaltopfer sein – Julia Seeliger

Gewaltopfer sein

Also es ist wirklich schwierig. Wie auf der Startseite unterstrichen, habe ich es mir nicht ausgesucht, Gewaltopfer zu sein. Klar, ich habe nicht gern Klavier gespielt und gestickt habe ich auch nicht. Dennoch hat es keiner verdient, von einem Landestrainer und seinem Kumpan in eine ostdeutsche Stadt gelockt und wahlweise mit Dosenbier oder GHB abgefüllt und geschreddert zu werden.

Dass ich aber auch immer diese fucking Zukunftsthemen bearbeiten muss! Sexualität ist ein Thema der Moderne. In den 90ern, als die Gewattat geschah, in dem Jahr, als “The Matrix” und “Fight Club” erschienen, waren die 70er und 80er mit ihren falschen Utopisten noch nicht so lange vorbei.

Weil man sich in einer Szene von Traumatisierten eh nicht verletzungsfrei bewegen kann -manche sagen ja, das sei immer so, Leben ist Leiden- spalte ich noch ein bisschen mit Begriffsrabulistik. Der Artikel heißt Gewaltopfer sein und nicht Überlebende sexualisiert gelesener Männer*ix. Auch Jesus Christus war Opfer, darauf basiert die ganze Religion und deswegen muss sich niemand schämen, Gewaltopfer zu sein. Der Begriff ist straightforward und geschlechtsneutral, damit kann ich arbeiten.

Der Begriff ist schön pragmatisch und klingt nach Weißem Ring. Der hatte mir gesagt, schau doch mal, ob du ein Gewaltopfer findest, das zu dir passt. Ich setzte mich eine halbe Nacht hin und fand Frauke Eickhoff. “Bingo!”, sagte der Weiße Ring. Ein Rätsel richtig gelöst. Auch deswegen mag ich den Begriff sehr.

Es gibt richtige und falsche Gewalt. Wir leben in einem Staat mit Gewaltmonopol, Gewalt ist also prinzipiell vorhanden. Ihre Existenz zu negieren ist sinnlos und sich selbst in das Gefängnis der Gewaltfreiheit zu verbannen selbstverletzend. Gewalt kann Spaß machen und befreiend sein. Nichts ist unfreier als das Leben in einem System absoluter Harmonie. Den Kampf angesagt von mir bekommt daher ausschließlich die falsche Gewalt.

Ob beim Jobcenter oder bei der Personalerin: Gewaltopfern wird tendenziell weniger vertraut und zugetraut. Hinzu kommt, dass ich durch diesen taz-Artikel offiziell zertifiziertes Gewaltopfer bin, ich muss also immer sofort gestehen. Um das Ganze noch zu unterstreichen, melde ich mich als offizielles Gewaltopfer regelmäßig bei den offiziellen Stellen, um auch nichts falsch zu machen.

Die ernsthafte Gewaltopferforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Eine Möglichkeit, sich zu entfalten. Als Vorreiterin der Judo-Gewaltopferforschung habe ich in den letzten Jahren zahlreiche Forschungen im psychiatrischen, soziologischen, kriminologischen, japanologischen und sicher auch bewegungswissenschaftlichen Bereich angestellt. Hinzu setzte ich eine Reihe von ambulanten und stationären Therapieversuchen, die allesamt zu mehr Sicherheit führten. Welche davon gut und welche nicht so gut waren, erscheint mal so und mal so. Durch ihre Vielfalt waren sie insgesamt nützlich.

Besonders interessant an der Chose ist die systemische Gewalt, die sich sportart- und strukturspezifisch zeigt. Die Sportart als Gesamtheit ihrer Geschichte, regionalen Kultur, Regeln, Modernität und ihrer Bewegungen. Die Struktur als Blick auf die konkrete Verbandsstruktur mit ihren handelnden Personen, Hierarchien, Abhängigkeiten, Rollen und Labels. Ich schwöre, diese im konkreten Fall nie in einer Datenbank gesammelt und visualisiert zu haben, wenngleich mir hier die Finger juckten. Es wäre dann am Ende aber doch zu unangenehm gewesen, die ganzen Daten zusammenzutragen.

So bleibt ein Haufen Ärger und ein zweifelhafter Ruf für meine Sportart, zu dem ich -ganz im Sinne einer östlichen Denkweise- ebenso mit beigetragen habe. Als Gewaltopfer fühlt man sich außerdem generell oft schuldig. Irgendwann geht man dann nicht mehr raus und isst nur noch Nudeln und verliert aufgrund des Gemüsemangels die intellektuellen Möglichkeiten. Wie ein Junkie.

Zum Schluss: Alternatives Ende von Fight Club für den chinesischen Markt

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